For Love of the Game – Part 2

For Love of the Game – Part 2Der sehr persönliche Saison-Rückblick aus der Perspektive eines Journalisten und Baseball- Spielers.

Oliver Knaack (50) machte vor knapp 30 Jahren seine Leidenschaft zum Beruf. Schreibt seit den 90er Jahren über Sport. Zum 30jährigen Bestehen der Allis kehrte der Wahl-Berliner 2019 noch einmal ins Team der Echsen zurück. Wir sprachen mit dem erfahrenen Linkshänder über seine ganz spezielle Saison.

Das Datum des Finales?
25. August 2019! Heimspiel gegen die Stealers. Sieg ist im ersten Spiel und wir wären Meister…

Das Ergebnis ist bekannt. Du hast die letzten vier Innings geworfen und wir gewinnen durch den Walkoff von Ente. Aber wie hast Du den entscheidenden Moment erlebt?
„Wir lagen mal wieder hinten. Waren aber nie außer Reichweite. Noah hat uns immer im Spiel gehalten, sein Pitchcount war jedoch nach fünf Innings deutlich über 100. Wir lagen aber nur 8:9 zurück. Die perfekte Situation, die man sich als Reliever wünscht. Die Stealers machten in den folgenden vier Innings nur noch einen Punkt. Und wir hatten den Nachschlag im neunten Inning. Es konnte nur gut ausgehen.“

Wo warst Du beim entscheidenden Hit von Ente?
„Auf den Stufen des Dugouts. Unsere Runner waren Tiger auf  2, Kegel auf der 1. Ich sah Entes Schlag nicht, hörte ihn aber. Und einen guten Schlag erkennst du sofort am Klang. Du hörst, ob das ein Pop-up, ein flyball oder ein linedrive ist. Und es war ein satter Schlag. Mein erster Blick ging ins Outfield, ich sah Center- und Rightfielder Richtung Lichtmast sprinten. Ein gutes Zeichen. Ein zweiter Blick ging auf Kegel. Er hatte einen richtig guten Jump, überflog bereits das zweite Base. Und die Stealers hatten den Ball noch nicht unter Kontrolle.“

Das Drama begann…
„Dass Tiger zum Ausgleich nach Hause kommen würde, war klar. Er hat die Situation ganz sicher gespielt, nicht gleich Vollgas gegeben, sondern wäre bei einem Flyout  auch rechtzeitig wieder an der zwei gewesen. Kegel aber hatte Usain-Bolt-Geschwindigkeit. Und Scherfi ruderte den heranfliegenden Windhund ums dritte Base rum, als die Stealers den Ball zum Shortstop feuerten. Wird eng, dachte ich.“

Hättest Du Kegel geschickt?
„Logisch! Den hätte Scherfi auch umgrätschen müssen, um ihn zu stoppen. Die Stealers spielen den Relay richtig gut, Aber Kegel slidet Sekundenbruchteile vorm Tag übers Home. Und wir sind Meister. Nie zuvor habe ich so einen Jubel, so eine Ekstase erlebt. Es gibt ein Foto von Sascha Reinhold von der Szene, das hängt bei mir in groß zu Hause. Es ist das perfekte Bild, ein Wahnsinnsfoto. Das Elmshorner Sportfoto des Jahres. Alles drauf: Der Call vom Umpire, Tiger Venzke, der Stealers-Catcher, der verzweifelt zeigt, dass er den Ball hat. Und Kegel, der sich gerade aufrappelt. Ich krieg immer noch eine Gänsehaut, wenn ich mir das Bild anschaue.“
 
Dann kam die Aufstiegsrunde. Warum hat es da nicht geklappt?
„Weil wir nicht mehr gut genug waren. Das mag hart klingen, aber so habe ich es empfunden. Wir hatten mit dem Stealers-Spiel und der Meisterschaft unseren Höhepunkt erreicht und überschritten. Wir waren fertig, hatten Abgänge, Jon Smart war bereits in den USA. Dazu Ausfälle und angeschlagene Spieler. Ja, wir haben dort alles gegeben, hatten auch unsere Chancen. Spiel 1 in Dortmund müssen wir nicht verlieren.“

Du hast das erste Spiel komplett geworfen.
„Und es war mein einziger Loss in der ganzen Saison. Blöder Zeitpunkt. 3:6 ist knapp. Vor allem, wenn du dir die Zahlen anschaust: Wir machen fünf Errors in dem Spiel, fünf! Von den sechs Runs die wir abgeben, waren nur zwei earned. Dazu hat unsere Offense den Ball leider nicht getroffen: Neun Runner sind auf den Bases gestrandet. Dazu zehn Strikeouts, ein Batting average von .171 – keine Chance. Aber nochmal: Wir haben alles in Dortmund gegeben. Ich habe da keinen gesehen, nicht einen, der nicht alles gegeben hat. Da lege ich für jeden einzelnen Spieler meine Hand ins Feuer. Das ist mir wichtig zu sagen. Denn wir hatten da auch ein paar junge Spieler dabei. Aber unser Tank war einfach leer. Und wer glaubt, wir hätten da absichtlich verloren, der hat keine Ahnung von dem Spiel oder ist besoffen. Oder beides.“
 
Und gegen die Flamingos?
„Wahnsinn, was Sören da geworfen hat. Da hat er am letzten Tag der Saison gepitcht, als gäbe es kein Morgen. Zwar war der Start nicht optimal, wir lagen mal wieder hinten (0:5 nach vier Innings) aber danach hat er Nullen aufgehängt. Eine nach der anderen. Und wir haben nach dem fünften Inning in jeden Inning gepunktet. Ich war Basecoach an der 3. Und ich liebe es dort zu stehen, weil man die Stimmung im gegnerischen Dugout perfekt mitbekommt. Und ich im Vorbeigehen auch gerne mal einen Spruch bringe, um deren Anspannung zu testen. Nach acht Innings stand es nur noch 4:5. Und den Flamingos ging der Arsch komplett auf Grundeis. Da ging gar nichts mehr. Die wussten, dass wir das Spiel im neunten Inning drehen würden.“

Was lief schief?
Hast Du es nicht gesehen?

Doch. Aber wie war es aus Deiner Sicht?
„Ich denke, wir waren in dem Moment gefangen. Zu euphorisch. Wir haben schon an die Offense gedacht. Und dabei leider den Überblick verloren. Denn Sören war am Ende. Der hatte über 120 Pitches im Arm. Aber er stand auch im neunten Inning weiter auf dem Hügel. Die Nummer sieben, acht und neun der Flamingos am Schlag. Sören schafftte zwei schnelle Aus und walkt dann die Nummer neun, einen 16jährigen Pinchhitter. Die Flamingos hatten damit das geschafft, was ihr Überlebensziel war: Wieder oben in die Battingorder zukommen. Und Sören pitcht weiter. Und wirft noch ein base on balls. Schlagartig kippte jetzt die Stimmung. Sowohl bei uns als auch bei den Flamingos. Denn da kamen jetzt Wegner, Kryzsko und Mills an den Schlag. Die hatten in der Saison zusammen 18 Homeruns gehauen. Dafür brauchen wir fünf bis sechs Jahre…

Bei uns passierte - nichts. Außer Fingernägel kauen und diverse Stoßgebete. Und so kam, was kommen musste. Sören wollte verständlicherweise nicht noch einen Walk abgeben und warf Strikes. Aber mit 130 Würfen im Arm triffst du die Kanten nicht mehr. Und so flog die Kugel so schnell wie sie in der Strikezone war, auch wieder raus. Und über den Zaun. 3-Run-Homer, 4:8, Spiel gelaufen. Dass Mills dann noch seine 10. Bombe der Saison hinterherschickt - geschenkt. 4:11, logisch, dass da unsere Offense nicht mehr zurückkam.“

Was bleibt hängen?
„Ich wollte es zuerst nicht wahrhaben. Aber mit etwas Abstand kann ich es jetzt sicher sagen: Die geilste Saison, die ich je gespielt habe!

Es war alles drin. Emotionen, Drama, Erfolg, im All-Star-Team gespielt. Und am Ende die Zweitliga-Meisterschaft. Und das im 30. Jahr unserer Alligator-Geschichte. Mehr geht doch nicht. Wenn mir das jemand im Herbst 1988 gesagt hätte, als wir auf der Hartschen Wiese angefangen haben - ich hätte ihn ausgelacht.“

Und gibt’s 2020 einen erneuten Anlauf?
„Das hoffe ich. Aber dafür brauchen wir wieder gute neue Spieler. Robbie will zurückkommen, sehr cool. Aber auch Jon? Wie wollen wir Ente, Mr. Walkoff, ersetzen? Lopo hat aufgehört. Aber ich bin mir ganz sicher, dass der Vorstand alles versucht, um wieder ein starkes Team zusammenzubauen.“

Mit Dir?
„Ich hatte mir vor einem Jahr meine Zusage für die 2019er Saison sehr gut überlegt. Das war keine spontane Entscheidung. Und es passte vom Spielplan sehr gut. Ich bin ja schon seit Jahren Schülertrainer bei den Berlin Sluggers. Und es gab nur zwei Termin-Kollisionen. Doch die Saison in Elmshorn war lang und auch teuer. Ich bin zwölf Mal die Strecke Berlin – Elmshorn - Berlin gefahren, plus Berlin – Dortmund - Berlin. Das sind über 9000 Kilometer. Da kenne ich jetzt jede Asphaltpore auf der A24.“

Das hört sich nach Abschied an.
„Unsere Saison ist jetzt drei Monate beendet. Es gab bisher kein Gespräch mit der Klubführung. Das ist auch okay und ich möchte nicht, dass das falsch verstanden wird. Die haben sicher alle Hände voll zu tun, damit 2020 wieder ein voller Erfolg wird. Ich danke Scherfi für jedes Inning, dass er mir gegeben hat. Und wenn man jetzt eine andere Richtung gehen will, ist das völlig in Ordnung.“

Spielst Du weiter?
„Mal sehen, wie ich über den Winter komme. Aber die Sluggers haben mich schon vor Wochen gefragt, ob ich wieder zurückkomme. Und die möchte ich jetzt auch nicht länger warten lassen. Die haben in der 1. Mannschaft drei Flammenwerfer. Da passt eine linkshändige Kurve ganz gut in die Mischung. Und wer weiß: Wenn die Sluggers den Titel in der 2. Liga-Nordost holen, und die Allis im Norden, dann sehen wir uns in den Playoffs wieder...“

Wie lange willst Du noch spielen?
„Mit 30 hätte ich nicht gedacht, dass ich mit 40 noch spiele. Und mit 40 hätte ich nicht gedacht, dass ich mit 50 noch 2. Bundesliga spiele. Ich entscheide das von Jahr zu Jahr. Aber solange ich schmerzfrei bin und die Gegner meine Kurve nicht über den Zaun hauen, sehe ich keinen Grund aufzuhören.“

Dein größter Traum?
„Mein Traum ist es, mit meinen beiden Jungs nochmal in einer Mannschaft zu spielen, am liebsten in grün. Emil ist 11, pitcht und spielt Outfield, Wilson ist acht Jahre und entdeckt gerade das Catchen.“

Gibt es noch einen Moment, der für Dich hängenbleibt?
„Zwei Momente: Zum einen das dritte Aus. Wenn der Batter den Ball trifft, der Ball hoch ins Outfield fliegt und du vom Mound Richtung Dugout gehen kannst. Weil du genau weißt: Den Ball fangen die Jungs da hinten. Ich schau dann immer in die angespannten Gesichter der Fans, die die Flugbahn des Balles verfolgen. Und nach ein paar Sekunden in Jubel ausbrechen, weil sich Kegel und Co. das Fluggerät gesichert haben.

Und der andere Moment war gleich zu Saisonbeginn gegen Holm: Ich werfe mich im Bullpen mit Andre Glawe ein. Danke auf diesem Weg, André, für die unzähligen Würfe die Du von mir im Bullpen gefangen hast. Und plötzlich werde ich dann von hinten von Michael Wäller freundlich angepöbelt. Unbezahlbar!“

Danke Olli für die offenen und ehrlichen Worte.
„Kein Ding. Und ganz liebe Grüße an die besten Fans in Deutschland. Es war ein Traum vor Euch und für Euch zu spielen.“

Saison-Bilanz:
Oliver Knaack: 22.1 IP, 21H, 13Ks, 11BB, W-L: 3-0 (1 Save), ERA: 2,42