For Love of the Game – Part 1

For Love of the Game – Part 1Der sehr persönliche Saison-Rückblick aus der Perspektive eines Journalisten und Baseball- Spielers.

Oliver Knaack (50) machte vor knapp 30 Jahren seine Leidenschaft zum Beruf. Schreibt seit den 90er Jahren über Sport. Zum 30jährigen Bestehen der Allis kehrte der Wahl-Berliner 2019 noch einmal ins Team der Echsen zurück. Wir sprachen mit dem erfahrenen Linkshänder über seine ganz spezielle Saison.

Olli, mit welcher Erwartung bist Du in die Saison gegangen?
„Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Skepsis? Logisch. Warum auch nicht. Zwar hatte ich in der Saison 2018 bereits ein paar Innings in grün geworfen. Aber da ging es um nichts mehr. Und war sicher auch von vielen als Folklore angesehen worden. Doch genau das sollte es ja 2019 nicht werden. Und deshalb habe ich bereits im November 2018 mit der Vorbereitung begonnen. Motto: Wenn ich alles dafür gebe, und es am Ende doch nicht reicht, dann kann ich mir zumindest nichts vorwerfen. Dann ist meine Zeit eben vorbei.“

Wäre mit 50 Jahren ja auch normal, oder?
„Ja, aber das wollte ich zumindest nicht kampflos hinnehmen. Ich wollte irgendwie noch einmal die Zeit anhalten. Noch einmal den Augenblick festhalten. Noch einmal auf dem Gator-Hügel stehen, diesen ganz besonderen Moment genießen. Ich liebe übrigens den Film „Aus Liebe zum Spiel“ mit Kevin Costner als alternder Pitcher Billy Chapel...

Was war Dein persönliches Saisonziel?
„Quality-Innings zu werfen. Also so gut zu sein, dass ich für den Coach immer eine gute Alternative darstellen würde. Egal in welcher Spiel-Situation. Ob als Starter, Reliever oder Closer. Und ich wusste: wenn ich das schaffe, dann kommen die Innings von ganz allein. Klar träumst du insgeheim immer vom Sieg, willst mittendrin sein, wenn es um alles geht.“

Einen ersten Vorgeschmack, auf das was kommt, gab’s gleich am 1. Spieltag…
„Allerdings. Season-Opener gegen Holm. Nichts lief bei uns. Lagen im vierten Inning 3:10 zurück. Die Hütte voll, trotz Februar-Temperaturen. Coach Scherfisee schickte mich früh in den Bullpen und im vierten Inning (1 Aus) dann auf den Hügel. Keiner wusste, was jetzt kommen würde, ich auch nicht. Doch irgendwie funktionierte alles wie gewünscht. Wir konnten die Bremse reinhauen, die Offense erwachte, wir kamen zurück: 6:11 (5. Inning), 8:11 (8. Inning) , 10:12 vorm neunten Inning unten. Ein Inning mehr, wir hätten Holm geknackt. Doch so blieb es beim 10:12. Aber zumindest hatte sich die Offense warm geschlagen. Und das zweite Spiel wurde mit 11:1 gewonnen.“

Hattest Du Schmerzen danach?
„Es war mein erstes volles Spiel seit über fünf Jahren, mit etwas über 100 Würfen. Und du kannst noch so viel trainieren, dich warmmachen, den Arm einsalben. Nichts ersetzt den Wettkampf, die echte Spielsituation, die Stress-Pitches. Ich hatte aber keine Schmerzen. Die kamen am Montag. Und am Dienstag. Und am Mittwoch. Da musste ich mir mit rechts die Zähne putzen. Aber es waren „nur“ muskuläre Schmerzen durch die enorme Beanspruchung bei der Kälte. Trotzdem war ich froh, dass ich sechs Tage später gegen die Marines nur ein Inning im Relief werfen musste. Wir führten haushoch, alles lief glatt.“

Dann kam Dein schlechtester Auftritt …
„Hey, ich habe ein Save dafür bekommen! Aber Du hast Recht. Das Rückspiel bei den Marines war eine Katastrophe. Und wenn einer den Save verdient gehabt hätte, dann unser Catcher Jon Smart.“

Was war das Problem?
„Ich habe den Ball nicht gefühlt. Der fühlte sich an wie die weiße Billardkugel, total glatt und ohne Nähte. Noah Jens hatte uns acht starke Innings gegeben, wir gingen mit einer 7:5-Führung ins neunte, ich sollte den Sack zumachen. Hab dann erstmal die Bases geladen, mit drei Walks. Genug Drama? Nö, bei zwei Aus dann auch noch den Anschluss zum 7:6 reingewalkt. Es war furchtbar. Jon kommt zu mir, beruhigt mich. Und gibt mir den besten Ball, den ich je in der Hand gehabt hatte. Klein mit großen Nähten. Und mit Garies steht ein Lefty am Schlag. Ich bin schnell zwei Strikes vorn, den dritten foult er nach hinten weg. Und der schöne Ball fliegt über den Backstop, landet auf dem angrenzenden Kunstrasenplatz und kullert davon. Mein Ball! Keine Chance, das Ding zurückzubekommen.

0:2 also der Count, der neue Ball wieder eine Katastrophe. Jon zeigt mir die Kurve innen, mein bester Pitch auf Lefties. Aber mit einer glatt polierten Murmel, die keine Nähte hat?! Ich werfe den Pitch, aber die Kurve bricht nicht. Segelt in Zeitlupe oben durch die Zone. Doch Garies schwingt unter durch, drittes Aus, Ballgame, 7:6.  Und dafür bekomme ich den unverdientesten Save aller Zeiten.“
    
Dann kam Dein bestes Spiel?
„Ob es das beste war, kannst Du besser beurteilen. Zu dem Zeitpunkt war es auf jeden Fall das wichtigste. Die ganze Saison liefen wir den Stealers hinterher, waren immer ein, zwei Siege dahinter. Jetzt hatten wir die Chance, an ihnen vorbeizuziehen.“

Und Du durftest starten.
„Völlig überraschend sagte Scherfi zwei Stunden vorm Spiel in der Teambesprechung: ‚Olli, Du fängst an.‘ Ich war schlagartig wach. Wie ein Teenie vorm ersten Date! Und wieder mit Jon Smart hinter der Platte. Selten hatte ich so ein überragend sicheres Gefühl. Wir waren sieben Innings eine Einheit. Wenn ich dachte ‚curveball innen‘ kam Sekundenbruchteile später das Zeichen von ihm. Ich dachte: ‚fastball unten außen‘ – und Jon zeigte ihn mir an. Es war magisch. So ging das die ganze Zeit. Er hatte einen Plan und wir haben ihn perfekt durchgezogen. Ich glaube, ich habe ihm im ganzen Spiel nur einen Pitch weggeschüttelt.“

Was war der Schlüssel?
„Ganz klar Jon. Und die Offense. Mit einer 6:1-Führung nach zwei Innings pitcht es sich viel leichter.“

Im siebten Inning war dann trotzdem Schluss für Dich.
„Ja, wir lagen 12:3 vorn, zwei Aus. Ich wollte unbedingt das Inning beenden. Die Nummer neun Sebastian Koch am Schlag. Das Problem: Der war an dem Tag drei für drei gegen mich. Ich hatte noch ein Base frei, da wollte ich ihn parken und mir den nächsten Schlagmann holen. Aber Scherfi kam auf den Hügel, nahm mir den Ball weg und schickte mich auf die Bank. Doch dann kam ein Applaus vom Publikum, der war so unglaublich. Ich war bis dahin total im Spiel, hatte von außen nicht viel mitbekommen. Doch dieser Jubel war überwältigend. Das kannte ich so nicht. Da habe ich mein Cap gezogen.“

Kegel kam rein, machte den Sack zu, 17:7. Das zweite Spiel gewinnen wir 4:3 mit  Robbie auf dem Hügel und sind Tabellenführer.
„Das war Wahnsinn. Endlich Erster. Die Saison hätte jetzt zu Ende sein können. Aber es waren noch acht Spiele zu spielen. Unter anderem bei den Knights und viermal gegen den Meister Kiel.“
   
Was war das schwierigste Match?
„Das letzte Spiel in Kiel darf im Rückblick nicht untergehen. Das war für mich der Schüssel. Wir sind mit dem allerletzten Aufgebot nach Kiel gefahren. Ein zusammengeschlagener, kaputter Haufen. Da hätte fast ein Neuner-Bus gereicht. Das erste Spiel gewinnen wir 7:4. Sechs starke Innings von Noah, dann kommt Kegel rein, stellt das Stopschild auf. Perfekt.“
   
Ging aber nicht perfekt weiter…
„Nicht wirklich. Im zweiten Spiel verletzt sich Lopo, rutscht im Vollsprint kurz vorm ersten  Base auf nassem Gelauf ganz fies weg. Saison beendet. Und Robbie, der seit Wochen  angeschlagen war, ging schon nach zwei Innings bei einer 4:0-Führung vom Feld. Da ging nichts mehr bei ihm. Kegel kam wieder rein, aber anders als zwei Stunden zuvor, haben sie ihn gut getroffen, Kiel verkürzt auf 3:4. Es musste was passieren. Ich war der letzte Mann auf der Bank. Hätte da Frank Zander gesessen - Scherfi hätte ihn eingewechselt. Doch dann haben wir das gemacht, was uns die ganze Saison ausgezeichnet hat: Zusammengehalten und auf den Ball gehauen. 11:3-Sieg. Und alles war angerichtet für das große Finale.“

Lieber Gator-Fans, den zweiten Gang bekommt ihr morgen vorgesetzt...